Ein neues Leben

Sie ist auch so schon eine atemberaubende Erscheinung und von 
solch einer natürlichen Schönheit, dass sie stets den Raum 
beherrscht, den sie betritt. Doch seit ein paar Monaten ist da noch 
etwas, etwas Unbeschreibliches in ihrem Gesicht. Eine Zartheit, 
wie von einem Weichzeichner, als wäre ihr das gesamte Wissen 
des Universums offenbart worden, in sich ruhend. Mit stolz 
erfüllter Brust gehe ich mit ihr spazieren, zum Einkaufen, Hand 
in Hand. Jeder kann sehen, soll sehen, dass sie zu mir gehört, zu 
mir allein! Und ich kann nicht anders, als sie immer wieder und 
lange anzusehen. Bis zu diesem ersten Krampf in der Küche, bei 
dem sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorne beugte, 
den Bauch hielt und sich zwischen Ihren Füßen eine Pfütze bildete. 
„Es geht los.“, sagte sie mit leichtem Entsetzen. „Hol den Koffer 
aus dem Schlafzimmer!“ Ich gehorchte und als ich wieder in die 
Küche kam, sah ich sie in aller Seelenruhe den Boden aufwischen. 
„Was soll das denn jetzt?“, fragte ich empört, griff ihr unter die 
Axel und zog sie zu mir hoch. „Das kann ich auch später machen. 
Du hast dein Fruchtwasser verloren, wir müssen ohne Umwege 
ins Krankenhaus.“, stellte ich fest. Und wieder beugte sie sich 
unter Schmerzen nach vorn und zischte: „Das weiß ich auch du 
Schlaumeier! Nur die Ruhe, das sind noch die Senkwehen.“ 
Nein, ich hatte wirklich keine Ahnung, sie aber auch nicht, 
dachte ich, denn schließlich war das auch IHR erstes Kind!
Die Nachtschwester an der Notaufnahme hatte die Ruhe weg, 
verstand sie nicht warum wir hier waren? War ihr die 
Dringlichkeit nicht bewusst? „Füllen Sie bitte dieses Formular 
aus.“, sagte sie ganz unbeeindruckt von meiner Hysterie und 
während Emily den nächsten Aufschrei von sich gab. Aber 
keine 2 Minuten später kam auch schon eine andere Schwester 
mit einem Rollstuhl, nahm Emily mit und scherte sich einen 
feuchten Kehricht um mich, tat sogar so, als sei ich gar nicht 
existent. Wie ein kleiner Junge lief ich einfach hinterher. Dann 
fragte die Schwester, als sei ich immer noch nicht anwesend, ob Emily 
gestatten würde, dass ich mit in den Untersuchungsraum dürfte 
und ob ich der Vater des Kindes sei. Mir verschlug es einfach 
nur die Sprache, zumal ich auch noch direkt daneben stand.
Auf dem Untersuchungsstuhl wurde Emily mit dem Wehen- 
Schreiber verkabelt, so dass wir die Herztöne des Babys, die 
sich anhörten wie ein Pferd im Galopp, hören konnten. Dann 
fingerte die Hebamme mit Latexhandschuhen, die sie nach 
dem überstülpen noch mal provokativ ans Handgelenk 
schnalzen ließ, im Unterleib meiner Frau herum und sagte: 
„Gut, wir machen ja schon Fortschritte. Der Muttermund ist 
schon auf die Größe eines 2-Euro.Stückes geöffnet.“ Und 
stellte fest, dass sie kurz vor den Presswehen sein würde. Also 
verlegte man sie gleich anschließend in den Kreissaal. Gänzlich 
nackt lag sie nun auf diesem Geburtsstuhl, nur mit einem Laken 
bedeckt, dass vom Hals bis zu den Knien reichte. Ein Stuhl 
stand für mich an der Seite, damit ich Beistand leisten und ihre 
Hand halten konnte. Kaum dass ich saß, schrie Emily auch 
schon wieder gegen den Schmerz an, worauf die Hebamme 
sagte: „Noch nicht, jetzt noch nicht pressen! Warten sie, bis ich 
es ihnen sage. Und atmen sie!“ Meine Frau atmete wie eine 
Dampflokomotive und ich erwischte mich dabei, wie ich 
plötzlich mit hechelte.  - Wieder eine Wehe. Emily drückte 
meine Hand – Autsch, wo verdammt hatte sie diese enorme 
Kraft her? Jetzt wimmerte sie auch nach den Wehen und 
bettelte endlich pressen zu dürfen. Man hatte sie ja gefragt, 
ob sie eine Spritze haben wolle, was sie aber verneinte, weil 
sie die Geburt ihres Kindes so natürlich wie möglich erleben 
wollte. „Ob sie das wohl jetzt bereute?“, schoss es mir durch 
den Kopf. Der Schmerz war brachial und kam in ansteigenden 
Wellen von der Mitte ihres Körpers bis in den Unterleib, wie 
sie mir später erzählte. Sie schwitze so stark, dass das Laken 
welches sie bedeckte sie um den Busen herum wie beim 
„Miss T-Shirt Contest“ aussehen und ihre Nippel durchscheinen 
ließ. Ihre Haare klebten an der Stirn und sahen aus, als ob sie sie 
nach der Dusche nicht ganz trocken gerubbelt hätte. Wieder 
ergriff sie die Pein und sie schrie mich jetzt an: „Du verfluchter 
Hurensohn! Das zahle ich dir heim! Du Wixer!“ Ich war 
vollkommen geschockt, da ich nicht einmal wusste, dass diese 
Worte zu Emilys Wortschatz gehörten. Und auch das 
schmerzverzerrte Gesicht, diese fast schon hasserfüllte Fratze, 
das war nicht meine Frau! Fühlte mich ein wenig, wie in dem 
Film „Der Exorzist“ und gleichzeitig so unendlich machtlos. 
Jetzt gab die Hebamme das Kommando zum Pressen, was die 
Situation für Emily auch nicht wirklich besser machte, denn 
immer noch beschimpfte sie mich und meine Hand war schon 
ganz blau. Das rhythmische Atmen wollte nun auch nicht mehr 
so richtig gelingen, dafür wurden ihre Schreie jetzt lauter und 
die Hebamme ermahnte sie wieder zum Hecheln zwischen den 
Wehen. „Ich kann das Köpfchen jetzt  schon sehen!“, sagte die 
Schwester, die der Hebamme zur Hand ging. Ich wusste nicht, 
ob sie das jetzt sagte um Emily zu beruhigen, oder ob das 
wirklich der Fall war, denn jetzt fing sie auch an zu weinen, 
wimmerte: „Nie wieder, nie wieder!“ Was sie noch sagen 
wollte, erstickte in der nächsten Wehe und ihrem beiwohnendem 
Schmerz. „Der Kopf ist draußen!“, sagte die Hebamme freudig. 
Die erste menschliche Reaktion dieser Person, so schien es mir. 
„Das Schlimmste ist nun vorbei.“, fügte sie noch hinzu. Und 
tatsächlich wartete sie noch eine Wehe ab, um das kleine 
„Würmchen“ ganz in ihren Händen zu halten, ließ es kurz an 
den Füßchen hängen, wischte schnell Mund und Nase frei und 
verabreichte einen zarten Klapps auf den winzigen Hintern, 
worauf das Kleine aus kräftiger Lunge losschrie. Mochte ja sein, 
dass die Hebamme etwas gefühlvoller durch diese Geburt hätte 
leiten können, aber ihre Erfahrung war ihr nicht abzusprechen. 
Jeder Handgriff saß!
Ohne das Baby jetzt von dieser „Käseschmiere“ zu befreien oder 
es gar abzunabeln, wurde Emily ihre kleine Tochter jetzt auf die 
nackte Brust gelegt. Die kleine hörte sofort auf zu schreien, als 
die Mutter zu ihr sprach: „Hallo meine Süße!“ und ihr dabei vom 
Glück überwältigt auf das noch verschmierte Köpfchen küsste. 
So nach und nach entzerrte sich Emils Gesicht und all der 
Schmerz, alle Qualen fielen sichtbar von ihr ab, wurden von 
Glück und Euphorie weggespült. Und da war es auch wieder, 
dieses Funkeln in ihren Augen, die auch noch feucht wurden, als 
ich sagte: „Ich bin so unglaublich stolz auf dich, mein Engel! 
Sie ist so wunderschön wie ihre Mama. Ich liebe dich.“ Und wenn 
sie jetzt auch wieder meine Hand nahm, war da diese gewohnte 
zierliche Zärtlichkeit in ihren langen schlanken Fingern.

Als sie das Baby jetzt für eine kurze Zeit, zum Waschen und die 
nötige Begutachtung wegnahmen und ich sah, wie Emily 
raubtiergleich und mit Argusaugen diese Prozedur überwachte, 
wurde mir klar, wie faszinierend dieses Arrangement der Natur 
ist. Aus dem tiefsten Schmerz und  dem höchsten Glück ein Band 
zu schmieden, wie es im Leben eines Menschen seines Gleichen 
sucht! Die Bindung zwischen Mutter und Kind!


© Wolf N’Dawn 13.11.2014         Picture: Marci Oleskiewicz

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