Im Schützengraben

Zuerst war da nur der Geruch von feuchter Erde, aber als die 
Maschinengewehrsalven überall vor und hinter uns im Graben 
einschlugen, vermischte dieser sich mit dem Geruch von Urin 
und diesem typisch metallenem von Blut. Schlimmer war aber 
der Lärm, den die feindlichen Mörsergranaten beim Einschlag 
machten, die Maschinengewehre und auch der derer Kugeln, 
die mit dumpfen Pfeifen in den Boden, oder mit einem Krachen 
in unsere Abstützungen aus Holz schlugen. Diese Geräusche 
zerrten an den Nerven und fütterten unsere Angst. Wir waren 
30 Jungen in dieser Einheit und auch erst im Alter von 14 bis 16 
Jahren, wollten voller  Enthusiasmus kämpfen für unser Vaterland, 
doch hier und jetzt waren wir nur noch beseelt von unserer Furcht. 
Einige standen in diesem Denken bis zu den ersten feindlichen 
Granaten, andere bis die Reihen zwischen uns lichter wurden 
und das erste Blut floss. Nur die Wenigsten unter uns kannten 
einander, kamen vielleicht aus demselben Ort, doch im Großen 
und Ganzen waren wir uns fremd. Hatten nicht einmal die Zeit 
uns kennen zu lernen, wurden eingekleidet, bekamen ein Gewehr 
mit aufgepflanztem Bajonett und fanden uns unversehens hier 
an der Front und schon am zweiten Tag unter Beschuss wieder.

Endlich und mit einbrechender Nacht ließ das Geknatter der 
Maschinengewehre langsam nach. Nur ab und zu, schien ein 
übernervöser Finger den Abzug durchzuziehen und die Stille zu 
brechen. Und erst jetzt bemerkten wir frierend, wie klamm unsere 
Uniformen waren und dass der Hunger auch ein großes Stück 
von unserem Nervenkostüm abbiss. Entlang des Grabens und in 
beide Richtungen vernahmen wir jetzt bewusster das Jammern, 
die Schreie der Verwundeten und derer, denen jetzt klar wurde, 
dass der Kamerad an der Seite manchmal nicht eben nur tot war, 
sondern ihre Körper faustgroße Löcher aufwiesen oder gar von 
Granaten zerrissen waren. Das zu sehen führte oft zu Schock und 
Apathie, weshalb zwei Sani-Trupps durch den Schützengraben 
huschten. Der Eine versorgte die Verwundeten und entsorgte die 
Leichen, während der andere Trupp, der erfahrenere, sich mit 
Backpfeifen und Anschnauzen den geschockten widmete.
Zu meiner Rechten war niemand, dort war nur eine dieser Stützen 
für den Graben. Der nächste Kamerad befand sich etwa 3 Meter 
ein Stück den Graben entlang. Zu meiner Linken jedoch, war Paul. 
Wir verstanden uns schon beim Eintreffen in der Kleiderkammer, 
machten Witze über die lange Unterwäsche, die oft zu groß 
geratenen Helme und wen sie wohl aus diesen oder jenen Stiefeln 
geschossen hätten. Wir kamen beide aus bürgerlichen Familien 
mit jüngeren Geschwistern und strotzten nur so vor Ehrgeiz dem 
Vaterland zu dienen, unseren Vätern gute Söhne und den 
Geschwistern starke Brüder zu sein. Die Propaganda dieses 
Krieges besorgte den Rest und ließ kein Zweifel an der Richtigkeit 
unseres Pflichtgefühls aufkommen. Paul war der sensiblere von 
uns beiden, wahrscheinlich, weil er schon einen Bruder in diesem 
Krieg verloren hatte. Er sprach immerzu von ihm, was die zwei 
so zusammen ausgefressen hatten, wie er ihn jedes Mal in Schutz 
nahm, wenn sie erwischt wurden und war dabei oft den Tränen 
nahe. "Ratatatat"- Wieder riss uns eine Salve in die kalte Realität 
zurück. Kurz darauf zündete der Feind eine Leuchtgranate, um das 
Gefechtsfeld auszuleuchten und ich sah für  einen Augenblick die 
Angst in Pauls Gesicht und wie er sich verkrampft an sein Gewehr 
klammerte. Unter welcher Anspannung ich selbst stand, bemerkte 
ich erst, als mich eine Hand von hinten an der Schulter packte und 
flüsterte: "Essen fa...", Rumms! - mein Reflex ließ den Soldaten 
nicht aussprechen, ich hatte ihn mit meinem Gewehrkolben 
ausgeknockt. "Du kannst doch nicht von hinten..." suchte ich nach 
einer Entschuldigung, bis ich merkte, dass der junge Mann gänzlich 
weggetreten war. Der Kübelträger, der dabei war und ich 
versuchten ihn wieder aufzurichten, was auch nach kurzer Zeit 
gelang, bis er nach der Ausgabe des Essens noch benommen davon 
taumelte. Es gab Suppe, die eher den Eindruck von Geschmacks-
verstärktem Wasser machte, dazu trockenes Mischbrot. Aber das 
war uns jetzt egal, Hauptsache es war heiß! Wärmte uns von innen 
und unsere kalten Hände über die Wandungen der Blechnäpfe.

Über dies war die Nacht schon schwarz, so dass ich den Mann 
rechts von mir nicht mehr sehen konnte. Und wieder kam ein Soldat, 
uns zu melden, dass wir uns zu einer Lagebesprechung im 
Leitstellenbunker, der eher ein kleiner Verschlag aus Holz war und 
nach hinten in den Graben eingelassen wurde, einzufinden hätten. 
Der Leutnant, der unser Zugführer war, war auch nicht viel älter als 
wir anderen, vielleicht 18 oder 19 Jahre.  Und er sagte nun mit auch 
einer eher kindlichen Stimme, dass wir das MG-Nest des Feindes in 
unserem Abschnitt ausschalten müssten, wenn wir eine Chance 
haben wollten uns effektiv zu wehren. „Ich brauche also einen 
Freiwilligen, der sich im Schutze der Nacht über das offene Feld 
bewegt, um in Wurfweite für eine Granate zu kommen.“, führte er 
weiter aus. Ein Raunen ging durch die übrig gebliebenen 
einundzwanzig jungen Männer, gefolgt von wildem Getuschel. 
-Junge Männer-, wenn sie es vorher auch nicht waren, jetzt 
bestimmt! „Ich mache das!“ rief Paul plötzlich und zu meiner 
Verwunderung. „Bist du dir sicher? Das ist vielleicht ein 
Todeskommando!“, sagte ich, während ich an seiner Jacke zog. 
Doch dann sah ich den Hass in seinen Augen und ich verstand: 
Widerrede war zwecklos! „“Dann gehe ich mit!“, kam darauf von 
mir und voller Entschlossenheit. Doch der Offizier verneinte und 
sagte: „Sie geben ihm Feuerschutz! Einer ist in diesem Fall genug 
und verringert die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden.“ Das 
leuchtete ein, aber dennoch hatte ich das Gefühl Paul im Stich zu 
lassen.
Wieder zurück auf unseren Positionen im Graben bereiteten wir 
uns vor. Paul legte alle überflüssige Ausrüstung ab, so dass er nur 
noch mit 4 Granaten und der Handfeuerwaffe des Leutnants bestückt 
war, ich legte mir 4 volle Magazine zurecht, wie auch Pauls Knarre, 
falls meine Ladehemmungen hätte, sicherte meinen Stand, wie auch 
die unter diesen Umständen perfekte Position und Auflage für mein 
Gewehr. Wir wollten nichts dem Zufall überlassen, auf alle 
Eventualitäten vorbereitet sein. Besprachen, wo wir in etwa am Tage 
das Mündungsfeuer des MG’s gesehen hatten, damit wir eine 
Richtung bestimmen konnten. Wir umarmten uns brüderlich und 
Paul sagte mir dabei ins Ohr: „Pass auf mich auf Wilhelm!“ Dann 
kroch Paul jetzt langsam und behutsam los. Jedes Geräusch 
potenzierte sich in dieser Stille und man konnte über weite 
Entfernungen noch ein Flüstern hören. Er robbte auf dem Bauch 
Meter für Meter nach vorn und hielt inne, sobald er ein Geräusch 
hörte, oder selbst eines verursachte. Nach einer gefühlten 
Unendlichkeit war er am Ziel, in Wurfweite zum MG-Nest und er 
konnte es auch sehen in diesem blauschwarz der Nacht. Auch hörte 
er die Männer reden bisweilen sogar lachen, was Paul nur noch 
aggressiver machte. Er konnte gar nicht schnell genug nach seinen 
Granaten greifen, der ersten den Sicherungsstift entziehen und sie 
endlich hinüber zu werfen. Sie flog in einem Bogen durch die Luft 
und landete wirklich wie gewollt hinter den Sandsäcken, die im 
Bogen um das Nest aufgestapelt waren. Ein ohrenbetäubender 
Knall zerriss die Stille und mit ihm kam helle Aufregung in die 
feindlichen Linien. Mir klopfte das Herz im Hals und meine Augen 
kämpften mit der Dunkelheit, versuchten die Schatten voneinander 
zu trennen, dass ich Paul bloß nicht aus den Augen verlor. Mein 
Freund hingegen, war fast euphorisch durch den Treffer und wollte 
unbedingt noch eines dieser explosiven Eier in dessen Reihen 
werfen. Und gerade als er dazu anstrebte, erhellte eine 
Leuchtgranate das Feld und man eröffnete das Feuer auf ihn. 
Schnell warf er sich wieder zu Boden und begann den Rückzug, 
während ich aus vollem Rohr in die erahnte Gefechtslinie hielt. 
Zu drei Viertel hatte Paul den Rückweg schon hinter sich, als er 
plötzlich von einer Kugel getroffen aufschrie. Ich konnte gar nicht 
so schnell Tritt fassen, wie es mich aus dem Graben trieb, lief aller 
Vernunft zum Trotze aufrecht auf Paul zu, lud ihn fast wie im Reflex 
auf meine linke Schulter und lief stolpernd mit doppelter Last zurück. 
Doch kurz bevor ich den sicheren Schützengraben erreichte, traf 
auch mich eine Kugel in die rechte Schulter und riss mich von den 
Beinen, so dass wir zusammen in den Graben stürzten. So in etwa, 
stellte ich es mir vor, wenn man von der Wucht eines Nashorns 
getroffen wird und es sein Horn durch eines Mannes Schulter treibt. 
Dann überschlugen sich die Ereignisse, denn der Feind sah dies 
als eine Möglichkeit des Vorstoßes und überrannte unsere Stellungen. 
Ich sah noch, dass Paul einen fremden Soldaten mit seinem 
Bajonett aufspießte, weil dieser im Begriff war, aus nächster Nähe 
auf mich zu schießen. Ich roch noch das Schießpulver, Blut – weiß 
nicht wessen – und……feuchte Erde. Dann wurde es schwarz um mich.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Bett im Feldlazarett und 
Paul saß grinsend und in einem Rollstuhl daneben, er hatte sich eine 
Kugel im Becken eingefangen und war schon zwei Tage zuvor wieder 
Herr seiner Sinne. „Der Krieg ist aus, mein Freund!“, sagte er mit 
einem noch breiteren Grinsen und drückte dabei meine Hand.
Diese Erlebnisse knüpften ein Band der Freundschaft, dass bis 
heute nicht an Tiefe verloren hat und über dies bei zwei Menschen, 
die sich sonst mit Sicherheit im Leben nie begegnet wären!
Wir waren überzeugt, dass es eben solche Freundschaften auf der 
anderen Seite und an jeder Front gegeben hat. Aus der Not des 
Krieges geboren und im Feuer des Zusammenhalts geschmiedet!



© Wolf N’Dawn   11.11.2014                               Picture: unknown 


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