Poseidons Hass


Mein Name ist Steward Mc Flaherty und ich war der 1. Maat 
auf dem Viermaster „Renegade“ vor Kap Horn. Wir lagen 
hart am Wind, machten so 14 Knoten vielleicht auch 15 bei 
gutem Wind, als von achtern eine schwarze Wolkenfront 
heranzog und von einer Minute zur anderen auch den Himmel 
über uns in dunkles Grau bis in tiefes Schwarz färbte. 
Dabei wurden gerade erst 5 Glasen geschlagen, also 
ca. 18:30 Uhr und es war eigentlich noch helllichter Tag. Die 
See fing an zu toben und zu schäumen, bäumte sich auf und 
fing unter der der Wut Poseidons an zu kochen.
Plötzlich schlug auch schon eine heftige Welle ans Heck, die 
den Kapitän aus seiner Kajüte scheuchte. Und während er auf 
das Deck stürzte, schrie er: „Klar zum Wenden!“, was aber 
offensichtlich im Getöse der See und dem Knarren der Planken 
unterging, denn die Reaktion der Crew blieb aus. „Klar zum 
Wenden!“ schrie jetzt der Steuermann, aus einer besseren 
Position, lauter und unüberhörbar, worauf jetzt auch ein klares 
„Aye aye Sir!“ zurückkam. Schon fast zu spät, schien es, als 
das Schiff während der Wende eine volle Breitseite bekam und 
sich bis zum Oberdeck im Wasser nach steuerbord neigte. 
„Zurrt die losen Enden!“ gab ich zum Besten, was auch 
schnell mit einem einfachen „Aye aye!“ quittiert wurde. 
Weit weg, wie auch dicht bei schlugen schon helle Blitze aus 
dem dunklen, inzwischen nachtschwarzem Firmament, die 
Crew lief aufgescheucht umher, zu zurren, was noch gezurrt 
werden musste, andere nur um Halt zu suchen, denn das Schiff 
war schon in vollem Umfang zum Spielball der Naturgewalten 
geworden, taumelte bis fast zum Kentern von einer Seite zur 
anderen. Salziges Wasser schlug uns in die Gesichter, kein 
Kleidungsstück das noch trocken war und der starke Regen, 
der mittlerweile eingesetzt hatte, ließ uns gerade genug Raum 
zum Atmen. „Segel einholen!“, schrie der Steuermann, denn 
der alte Schoner stand jetzt gegen den Sturm, um mit dem Bug 
die hohen Wellen zu brechen. Der Kapitän dachte, es wäre 
noch genug Zeit dieses Kommando zu geben, doch der Sturm 
führte einen Blitzkrieg und überfiel uns rasend schnell und 
mit aller Macht. Aber dennoch stiegen zwei verwegene Matrosen, 
die Brüder Fellows, in die Wanden. Sie waren von Haus aus 
typische Draufgänger, wollten retten was zu retten ist, hingen 
manchmal nur an ihren Händen, bis die Füße in den Seilen 
wieder Halt fanden. Das Schiff stieg plötzlich, wie ein Hengst 
mit dem Bug himmelwärts und gute 15 Meter hoch, schien 
für einen kleinen Augenblick zu schweben, bis es unter 
mächtigem Ächzen und Knarren vorn überkippte und der Bug 
sich wieder der See zuwandte. Jeder Mann an Bord dachte, 
das wäre jetzt das Ende. Das würde die alte Renegade nicht 
überstehen! Doch bei Neptun, der Sturm war so schnell und heftig, 
dass er die nächste Welle noch im Fall unter das Boot spülte 
und so den sicherlich verheerenden Sturz abfing. Kapitän, 
Steuermann und auch ich selbst, die wir auf der Brücke standen, 
hielten uns verkrampft an irgendwelchen Seilen fest, dachten 
dem Tod ins Auge zu blicken und atmeten fast gleichzeitig 
erleichtert auf. Die großen Hauptsegel hingen nur noch in Fetzen 
an den Masten, weshalb der Kapitän sich entschied die Renegade 
mit dem Heck in den Sturm zu stellen, damit man wenigstens 
Fock- und Rahsegel noch retten könnte, indem man sie zum 
Einholen aus dem Wind nimmt, doch plötzlich schrie jemand 
„Mann über Bord!“. Der Kapitän reagierte sofort und gab das 
Kommando zu einer Q-Wende, das typische Rettungsmanöver, 
bei der nun schnell die Segel eingeholt werden sollten. Kaum 
dass das Schiff nun wieder Quer zum Sturm stand, spülten 
meter hohe Wellen über das Deck. Männer hielte sich mit den 
Händen an den Seilen, mit den Armen und oder Beinen an der 
Reling fest, damit sie nicht von Bord gespült werden. Einer hing 
sogar schon mit dem Oberkörper über die Reling, wurde jedoch 
von 2 anderen Matrosen an seiner Kleidung festgehalten, die 
sich selbst mit Tauen gesichert hatten. Die Planken des Decks 
waren rutschig, so hatten es die Matrosen doppelt schwer, die 
rettenden Maßnahmen umzusetzen, um den Kameraden aus dem 
„Hass Poseidons“ zu ziehen. Sie sicherten sich gegenseitig, erst 
mit den eigenen Händen dann zusätzlich mit Seilen und zwei 
achteten ausschließlich auf den Matrosen im Wasser, der 
manchmal wie ein Ball auf den Wellen tanzte und dann auch für 
kurze Zeit nicht mehr zu sehen war. Doch dann war er ganz 
verschwunden, tauchte an der letzten Stelle nicht mehr auf, egal 
wie lange seine Kameraden die Oberfläche des Wassers fixierten. 
Die wütende See hatte ihn verschlungen. Enttäuschung und Trauer 
hielten bei den Männern Einzug und dennoch behielten alle die 
letzte Position des Mannes im Auge und die Bootshaken in den 
Händen, denn die Hoffnung wollte keiner so schnell aufgeben.
Zwei Glasen schlug die Glocke, also 5:00 Uhr, als die Sonne in 
einem leuchtenden Rot und bei spiegelglatter See ihre Reise in 
den Tag begann. Ganz sanft schaukelte die Renegade bei einer 
leichten Brise von Süden. Einen Toten hatten wir zu beklagen, 
diverse Knochenbrüche, Prellungen an allen möglichen Stellen 
des Körpers, Quetschungen und Schürfwunden von den nassen 
Seilen, die in dieser Nacht oft der einzige Halt zum Leben waren.
So stehen wir jetzt an Deck, mehr oder weniger lädiert, nass bis 
auf die blanken Knochen und frierend in der roten Sonne des 
Morgens und dem Wind unter der Nase. Auf dem Schiff riecht es 
nach aufgeweichtem Leder, nassem Holz und muffigen Seilen. 
Alles schmeckt nach dem Salz des Meeres. Doch in genau diesem 
Augenblick, sind wir, was wir immer waren – Seemänner!
Und auch nach dieser Nacht kann sich keiner dieser Seeleute 
vorstellen etwas anderes zu sein, denn hier ist unser zu Hause 
und hier werden wir auch sterben, wie unser Kamerad, auf den 
Weltmeeren – bei Neptun!



© Wolf N‘Dawn  03.11.2014                                   Picture: unknown 


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