Dark Town

Seit nunmehr zwei Stunden zickt meine Yamaha Intruder schon rum. 
Hat Zündaussetzer, läuft irgendwie nicht rund. Sonst ist es eigentlich 
immer Victorias Harley, die ihre technischen Macken zur Schau stellte. 
Aber jetzt, während unserer Schottland Tour zeigt sie offenbar ihr 
wahres Terrain,  - die Langstrecke.
Es regnet nun schon drei Stunden ununterbrochen und das Leder auf 
unseren Körpern ist nass und schwer, als ich kurz absteige um zu 
sehen, ob das Problem nicht vielleicht doch offensichtlich wäre. 
Während dessen reiße ich unentwegt am Gashebel um die Maschine 
nicht gänzlich absterben zu lassen. Wer weiß, vielleicht spränge sie 
dann gar nicht erst wieder an.
Victoria kommt jetzt längsseits, sie scheint geradezu zufrieden ob der 
Tatsache, dass nun ich es bin, der mit einem Malheur zu kämpfen hat. 
„Dort hinten ist eine Ortschaft!“ übertönt sie den Lärm der Krafträder. 
Ich erhebe mich, blicke Fassungslos in die Richtung, die sie mir weist. 
Warum zum Teufel habe ich das vorhin nicht gesehen? Ich hatte doch 
extra darauf geachtet, nach einem Ort gespäht, der Trockenheit und 
die Möglichkeit zu einer Reparatur brächte. Und jetzt, wie aus dem 
Nichts, ist es da. Egal, -  „Hast du deine Schwester erreicht?“, frage 
ich genau so laut zurück. „Nein, Catherine ist schon seit Stunden 
nicht erreichbar. Und hier….“, sie kramt ihr Handy aus der 
Jackentasche. „Hier habe ich kein Netz!“, fährt sie leicht verärgert fort. 
"Verdammt!", fluche ich. Wir hatten ihr doch versprochen uns regelmäßig
zu melden und unsere Position durchzugeben. Aber andererseits, 
was sollte ich ihr schon sagen, selbst das Navi zeigte lediglich einen 
namenlosen Hochpass an.
Ich hebe meinen Arm und weise Vicky so an, mir zu folgen.
Je näher wir dem Ort kommen, desto düsterer scheint der Himmel zu 
werden, dabei ist es erst später Nachmittag. Und als wir am Rande 
der ersten Häuser stehen stockt uns der Atem, friert ein, in unseren 
Kehlen. Da hängt ein Mann, aufgehängt an seinen Armen und seinem 
Nacken, als wolle er fliegen, an einem Lastenaufzug eines alten 
Warenhauses. Auch der Rest der Straße wirkt wie aus einem alten 
Boris Karloff – Klassiker, sprich Frankenstein. Ist ausgestorben, 
keine Menschenseele, wenn man von dem armen Tropf, der dort 
über der Straße hängt einmal absieht. – Wobei, das mit ihm und 
der Seele ja fragwürdig bleibt. -  Nicht das kleinste Anzeichen auf 
Leben und mir krampft sich das Herz zusammen. Verfallene Fassaden,
zerschlagene Fenster, die schwarzen Schatten der überhängenden 
Dächer und vertieften Eingänge wirkten bedrohlich. Bis hier her sind 
wir durch schönes und sattes schottisches Grün gefahren, doch in 
diesem Ort tragen die Bäume keine Blätter, hält sich alles in 
verschiedenen Tönen von schwarz, bisweilen auch eine Reflektion 
vom Regenwasser auf dem Straßenpflaster. In der Luft liegt ein 
modriger Geruch, mag sein, dass ich es mir nur einbilde, aber es 
riecht auch leicht wie….“nasser Hund“. Und immer noch fällt der 
Regen wie in Bindfäden aus dem dunklen Grau des Himmels.
Meine Maschine ist längst abgestorben und auch Victoria hat ihre 
abgestellt. „Das ist bestimmt eine Filmkulisse!“, sagt sie mit 
fassungslos geöffnetem Mund, was ich sogar durch ihren Helm 
sehen kann. Ja – Das ist meine Vicky! Auch in den schwärzesten 
Abgründen noch eine Erklärung parat, die ihren Gut-Glauben in 
die Menschheit untermauert. Doch auch ich lasse mich gern auf 
diese Erklärung ein, weil jeder andere Gedanke viel zu absurd und 
phantastisch zu sein scheint. Wir sind ja schließlich nicht mehr 
im Mittelalter!
Wir schieben unsere Bikes die Straße entlang, unter dem 
vermeintlich Gehängten hindurch und wir können es beide nicht 
lassen, eben diesen noch einem genaueren Blick zu unterziehen. 
„Verdammt gut gemacht!“ zische ich durch meine Zähne. Seine 
Augenhöhlen sind nur noch schwarze Löcher, auf seiner nackten 
Brust prangt eine Riesige Narbe im Y-Schnitt, wie er bei 
Obduktionen durchgeführt wird. „Filmkulisse“, flüstere ich mir 
leise vor. Will aber auch keinen Gedanken mehr daran 
verschwenden, denn andere Optionen lassen mich bis ins Gebein 
erschaudern.  Victoria bleibt abrupt stehen, zieht ihr Bike auf den 
Ständer und nimmt jetzt auch ihren Helm ab. Ihr langes Haar fällt 
ihr auf die Schultern und umrahmt ihr hübsches Gesicht, das 
Funkeln in ihren Augen gibt mir Zuversicht. „Da, Baby! Schau! 
Ein Gasthaus, oder sowas.“ Ich folge mit meinem Blick ihrem 
ausgestreckten Finger und sehe tatsächlich auch etwas 
schummriges tanzendes Licht, wie von einer Petroleumlampe 
oder einem Feuer hinter einem der Fenster. Und dort, wo das 
vermeintliche Gasthaus steht, wirkt der Himmel auch etwas heller. 
Doch je näher wir diesem Gebäude kommen desto dunkler wird es, 
Stimmen werden lauter, aber kein Wort erkennbar. Entweder ist 
dies die seltsamste Sprache der Welt, oder es sind einfach nur Laute. 
Wir stellen unsere Maschinen neben zwei andere, die allem 
Anschein nach schon etwas länger hier stehen, es sieht jedenfalls 
so aus, als wären diese schon lange nicht mehr bewegt worden, 
was mein Vertrauen gegenüber diesem Ort nicht gerade fördert.
Die schwere Holztür hat keinen Griff, also stoße ich sie einfach auf 
und sie gibt mit einem gespenstigen Knarren nach, öffnet sich und 
gibt uns den Blick in einen spärlich beleuchteten Schankraum frei. 
Ein faulig süßer Geruch und der von Alkohol beißt mir in der Nase. 
Ich sehe dass auch Vicky die Ihre rümpft. Keiner spricht, keiner sieht 
uns an, nur verstohlene Blicke über die Schultern, verlegenes 
Räuspern. Ich nehme Victorias Hand und wir gehen direkt zum 
Tresen. „Two Ale’s plaese!“, sagte ich und versuchte dabei betont 
sicher zu klingen. Die Bardame trägt eine Augenklappe und eine 
riesige Narbe ziert ihre Stirn, was vielleicht ihre Lethargie erklärt. 
Sie bewegt sich wie in Trance. Ich ziehe Vicky an der Hand an meine 
Seite, ich will sie im Auge behalten, denn mein Unwohlgefühl stieg 
gerade unermesslich. Ich griff nach dem Glas, als ich plötzlich einen 
schweren Schlag auf dem Hinterkopf verspüre und es dunkel um mich 
wird.
Als ich wieder zu mir komme, liege ich in Ledermanschetten an Armen 
Beinen und Hals auf einen Tisch geschnallt und an Geräten 
angeschlossen. Hektisch und voll von Sorge drehe und wende ich mich, 
um den Verbleib von Victoria zu klären. Ich sehe sie nicht! In diesem 
Moment betritt ein älterer Herr zu meinen Füßen und  in einem weißen 
und blutverschmierten Kittel, den Raum. „Nun, was haben wir denn 
hier?“ sagte er fast schon neckisch. „Zwei Nieren, ein Herz und eine 
Lunge, wie ich das sehe. Und wer weiß was noch so brauchbar ist!“ 
Plötzlich fällt mir der Kerl am Flaschenzug wieder ein, ohne Augen 
und mit der Obduktionsnarbe. – Sie hatten ihn ausgenommen! 
Panisch schreie ich: Victoria!!  - Wo ist Victoria?“, zische ich den Mann 
im Kittel drohend an. „Ach Sie meinen sicher ihre hübsche Begleitung. 
Die liegt im Nebenraum und ist auch erst vor fünf Minuten wieder zu 
sich gekommen. Ach – Und danke, dass sie sie mitgebracht haben!“. 
„Die Augen des Mannes brauchen wir nicht!“, sagt er jetzt zu einem 
der beiden Männer, die am oberen Ende des Tisches stehen, grinst, 
dreht sich um und verlässt den Raum. Der Angesprochene grunzt nur.
„Wovon verdammt redet denn der?“ Ja, ich hatte Victoria überredet 
diese Tour durch das schottische Hochland zu machen. Sie wollte 
eigentlich in die Staaten und die Route 66 down-cruisen. Aber das 
konnte dieser Kerl doch nicht wissen? Oder hat er einfach nur ins 
Blaue geraten? Vicky hatte ihm das bestimmt nicht erzählt, denn das 
würde bedeuten, dass sie mich für diese Situation verantwortlich 
machen würde. Aber gerade das ist so gar nicht ihre Art. Sie ist immer 
stolz ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie hätte ja auch ablehnen 
können. Aber das tat sie nicht. "Ihre Entscheidung!" Das würde sie sagen! 
Wofür ich sie ganz sicher nicht weniger liebte.
Einer der Männer hält mir jetzt mit Daumen und Finger das Auge auf 
und ich bin überrascht von der wohl doch noch vorhandenen Feinmotorik 
dieses scheinbar geistlosen Sklaven. Er träufelt mir etwas hinein, es 
brennt, als wäre es Säure, auch höre ich wie es sich in mich hineinfrisst 
und schon ist es schwarz auf diesem Auge. Ich höre Victoria schreien, 
was mich nochmal all meine Kräfte sammeln lässt. Ich spanne meine 
Muskeln an und bäume mich auf, tatsächlich reißt der Riemen an 
meinem Hals. –



Ich sitze aufrecht in meinem Bett, der Schweiß brennt in meinen Augen. 
Adrenalin pumpt durch meine Venen, weshalb es nicht lange dauert, 
bis ich realisiere dass draußen gerade erst der Morgen dämmert und es 
in Strömen gießt. Und doch sehe ich mich nachhaltig erschrocken nach 
Victoria um. Dort liegt ihr Kopf im Kissen, das spärliche Licht lässt sie 
noch bezaubernder aussehen. Erst jetzt beginnt das Adrenalin abzubauen. 
Erleichtert sinke ich wieder ins Kissen, schaue in ihr zauberhaftes Gesicht, 
streife mit einem Finger eine Strähne zurück und lasse diese Bewegung 
mit der Hand auf ihrer Wange ausklingen. Noch etwa zwei Minuten sehe 
ich sie so an, bis ich wieder einschlafe.

©Wol N’Dawn 30.07.2015


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